Keine Krafttiere! Klappe 2

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An dieser Stelle soll eine kleine Einführung in die Besonderheiten unseres Nagual-Schamanismus folgen.
Sie verstehen schon, die Sache mit der Kraft und so.

Oh, das sagten wir ja bereits im ersten Teil des Blogs.

Oder gehört das etwa gar zur Überschrift?

Das dürfen Sie sich jetzt von mir aus gern selbst ausmalen.

Wie auch immer, wir waren jedenfalls gerade dabei, nach der hastigen Flucht der meisten schamanisch schon Vorgebildeten aus unserem Saal einen Blick auf die kleine aber feine Gruppe derjenigen unter Ihnen zu werfen, die uns trotz unseres bedauerlichen aber leider offenbar ganz unvermeidlichen Anfalls schamanischer Wahrhaftigkeit noch nicht den Rücken kehrten.

Wir fragen uns: Wer ist denn nun geblieben?

Es waren wohl wieder genau diejenigen unter Ihnen, die in solchen Situationen eben doch noch bleiben.
Zumeist, weil ihre Neugier und Gelassenheit größer sind als ihre Liebe zum scheinbar abgesicherten eigenen schamanischen Wissen.

Oft liegt es aber auch einfach nur daran, dass ein Gutteil derer, die geblieben sind, keine schamanische Vorbildung aufweist.
„Umso besser“, denke ich, „die sind wenigstens von vornherein offen für etwas Neues.“

Weshalb immer Sie nun aber geblieben sind, möchte ich Ihnen gern zunächst einmal zu Ihrer Entscheidung gratulieren.
Sie haben die Flinte der Entschlossenheit nicht gleich bei der ersten Verunsicherung ins Korn geworfen.

Damit sind Sie jetzt einer schamanischen Tugend nähergetreten, die man als Wachheit, Forschergeist oder Zähigkeit beschreiben könnte, je nachdem, welcher dieser Aspekte nun gerade bei Ihnen mehr im Vordergrund stand.

Dies ist Teil dessen, was wir als schamanische Kriegerbereitschaft bezeichnen können.

Auf jeden Fall waren Sie standhaft genug, um den Weg, der sich jetzt vor Ihnen auftut, zumindest einmal wahrnehmen zu können.

Es ist, wie schon oben angedeutet, der Weg der Kraft. Der Weg des lebendigen Spirits.

Wieder höre ich da einen kleinen Aufschrei der von anderswo schamanisch Gebrieften:
„Alle Schamanen gehen doch den Weg der Kraft!“

„Das mag schon sein“, entgegne ich ihnen dann.

Heimlich denke ich mir dabei gerade, dass Schamanismus zwar tatsächlich allgemein als Weg der Kraft bezeichnet wird, es aber dennoch gar nicht so oft vorkommt, dass sich diese Kraft bei den Schamanismus Praktizierenden so machtvoll einstellt.
Vieles was durchaus gutes schamanisches Arbeiten ist, lässt die Kraft als solche nur sanft erahnen.

Das ist nicht grundsätzlich schlecht oder unzureichend.
Aber es trägt zur Verwirrung bei.

Dieses Auftreten der Kraft im Schamanismus ist nämlich keinesfalls ein reines abstraktes Konzept.

Wenn sie fließt, durchströmt sie Raum, Zeit, Körper und Ereignisse gleichermaßen und verändert alles.

Laut sage ich aber nur:
„Begnügen wir uns hier mit der zutreffenden Bemerkung:
Wirkliche Schamanen gehen sicherlich den Weg der Kraft.
Was aber nun eine andere Frage aufwirft:
Wie werden Sie nun wirklich zum Schamanen?“

„Einfach, ganz einfach“, höre ich da wieder Einige von Ihnen sagen.
„Wir machen diesen Kurs und dann jenen, noch ein paar zusätzliche Seminare für Fortgeschrittene, besuchen einen oder mehrere ethnische Schamanen in deren Herkunftsland, um uns die ganze Sache mal im Originalkontext anzusehen, dann folgt dieses oder jenes Ritual und schon sind wir Schamanen.“

Wie lange das dauert?

Nun ja, im Schnitt so drei, vier Jahre, höre ich da.

„Nun gut“, denke ich. „Diese Leute verstehen offenbar unter dem Begriff Schamane doch etwas ganz Anderes als ich es tue.“

Laut sage ich nur:

„Wunderbar. So schnell geht es bei Ihnen.
Leider können wir Ihnen das auf unserem Weg so nicht anbieten.
Da werden Sie unter sieben Jahren intensiven Lernens und ohne eine Reihe kraftvoller Einweihungsschritte einfach eher nicht zum Schamanen.“

Lassen Sie uns einmal sehen, was wir hier am Weg verstehen, wenn der Weg der Kraft uns führt. Bleiben Sie ganz ungeniert, die Gefahr ist nicht real. Sie war es zwar wohl dazumal, doch jetzt sehn Sie ja nur ein Bild. Nur die Natur darauf war wild, das Bild hingegen ist ganz zahm. Der Vogel der Gefahr ist hier, weil bildlich abgebildet nur, im Grunde schon fast flügellahm.

Lassen Sie uns dieses Treffen mit schamanisch Interessierten jetzt wieder beiseite stellen.

Bleiben wir aber ruhig einmal bei der grundsätzlichen Frage, die sich aus den oben gemachten Feststellungen ergibt.

Wie kann das nur sein, dass wir im Nagual-Schamanismus sieben Jahre brauchen, um Schamanen aus Ihnen zu machen?

Liegt es etwa gar an der Eigenart unseres schamanischen Ansatzes, dass Sie bei uns nur so langsam zum Schamanen reifen können?

Ist es das Fehlen der unterstützenden wohlmeinenden Krafttiere?

Oder gar die Abwesenheit Ihres geistigen Lehrers, den Sie anderswo im imaginativen Erlebnisraum antreffen könnten?

Oder haben unsere Schüler zu wenig Übung im Trommeln, Rasseln oder in der bekannten Technik der Seelenrückholung, um schnell genug zu Schamanen zu werden?

Wahrscheinlich können die eben nicht gut genug in die andere Wirklichkeit der Schamanen wechseln.

„Ja, daran wird es wohl liegen“, denken Sie jetzt vielleicht.
„Die bekommen vielleicht keine funktionierenden Techniken bei ihrem Lehrer.
Der hält sie wohl nur hin, und sie lernen kaum etwas wirklich Nützliches auf seinem so genannten Weg der Kraft.“

Bevor Sie sich nun allzu sehr in diese Gedanken und Vorstellungen hineinsteigern mögen, lade ich Sie ein, sich Schamanismus sozusagen einmal von übergeordneter Seite aus anzusehen, um besser verstehen zu können, worum es dabei geht und was unsere Position, die des Nagual-Schamanismus, über schamanische Kraft und Einweihung zum Schamanen auszusagen weiß.

Was sehen Sie nun, wenn Sie einmal im Adlerflug den Schamanismus als solchen von oben her betrachten?

Stellen Sie sich Schamanismus als eine alte, ehrwürdige und wilde Landschaft vor, über die Sie der Adler der Erkenntnis trägt.

Was also sehen Sie?

Sie sehen zunächst einmal vor allem Wildnis.

Schamanismus ist in der Wildnis entstanden, zu einer Zeit, in der unsere Ahnen genau dort lebten, jagten, überlebten.

Was sehen Sie des Weiteren, wenn Sie mit geschärften phänomenologischen Augen noch weiter auf diese Landschaft des Schamanismus blicken?

Sie sehen pure Magie.

Wilde Natur und pure Magie.

Darin zeichnen sich dann als nächstes Linien und Formen ab.
Sie sehen das Entstehen bestimmter schamanischer Vorstellungen und Traditionen.
Sie sehen, wie Natur und Wildnis und Magie in Wallung geraten, Wellen und Strukturen formen, die den natürlichen Kosmos in eine Art von Geflecht einzubetten scheinen, ohne ihn seines Charakters des Chaotischen oder Zufälligen zu berauben, der ihm innewohnt.

Doch der Zufall beginnt, sich an bestimmten Stellen, an denen die Schamanen auf ihn einwirken, in durchaus vorhersagbare Ereignisse zu verwandeln.

In Randbereichen bleibt alles eher ungewiss und es liegt an der Kunst des einzelnen Schamanen oder einer im magischen Tun vereinigten Versammlung von Schamanen ob die Heilung gelingt oder nicht.

Schamanen beugen sich genau deshalb bei ihrer magischen, visionären oder heilerischen Tätigkeit oft weit über den Abgrund der Welt.

Klappe.

Sie verstehen schon. Genau hier vor dem Abgrund muss die Klappe einfach fallen.

Der Abgrund den Schamanen ruft, der ihm dann folgt und auch versucht, die Welt am Abgrund zu verstehn. Das kann natürlich gar nicht gehn, weil diese Welt im Wahnsinn schwimmt. Mit Abgrund lesen Kraft gewinnt, wer sich der Wildnis anvertraut. Die Welt hingegen tanzt am Abgrund tief verschleiert als des Wahnsinns stumme Braut. Die letzte Zeile ist hier keinesfalls als Anspielung auf das hierzulande geplante Verschleierungsverbot für muslimische Frauen gemeint, obwohl dieses aufgrund der dabei abhanden kommenden religiösen Ausdrucksfreiheit wohl ebenfalls zu den Symptomen weltlichen Wahnsinns gerechnet werden darf. Mit dieser Bemerkung wiederum sollen keinesfalls an dieser oder irgendeiner anderen Stelle meiner Texte die Verschleierung muslimischer Frauen und das damit verbundene Frauenbild auch nur irgendwie gutgeheißen werden. Wissen Sie was: Vergessen Sie die Sache mit der Verschleierung jetzt kurz einmal wieder und wenden Sie sich doch dem hier abgebildeten Abgrund zu. Ist er nicht wirklich wunderschön? Wahre Schamanen lieben den Abgrund. Wahrscheinlich erinnert er sie an ihre eigene Waghalsigkeit, sich dem Weg der Kraft so ohne Weiteres immer wieder ganz und gar auszusetzen. 

 


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