Die Sendung mit dem Hu(h)n(d), Klappe 12

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Der Hund ist jetzt eindeutig verrückt geworden. Er glaubt an Schamanenhüte und hat daraus eine Art von Kult entwickelt.

Er kann inzwischen stundenlang vor einem Hut stehen und ihn mit großen Kulleraugen bewundern.

Wenn er nicht gerade mit derartigem Unsinn beschäftigt ist, zieht er unflätig über mich her. Ich sei beiläufig aufgrund seiner Aussagen gleich in Ohnmacht gefallen. Das ist nun wirklich ganz tief unter meinem Niveau angesiedelt und zudem selbstverständlich auch ganz geistlos, ein Scherz aus der untersten Hundeschublade sozusagen. Und Sie wissen ja, wenn jemand nichts mehr (zu bieten) hat, sagt man bisweilen, er sei auf den Hund gekommen.

Tatsächlich konnte ich bei der Gestaltung der letzten beiden Sendungen nicht mitwirken, weil ich ganz privaten Verpflichtungen nachkommen musste, die einfach immer unaufschiebbarer wurden, je länger ich sie bereits aufgeschoben hatte.

Dem Hund aber war jede Gelegenheit Recht, sich endlich wieder in Szene zu setzen. Er ist, nebenbei gesagt, tatsächlich ein Gelegenheitslügner, was soviel bedeutet wie: Er lügt bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Aber ich werde mich in nächster Zeit einfach gar nicht mehr mit ihm abgeben sondern auf die stolze Art meines Geschlechtes edler Hühnervögel, die ja bekanntlich nicht nur zufällig eine gewisse Verwandtschaft mit den ebenso stolzen Adlervögeln aufweisen, auf diese stolze und unnachahmliche Art also, den Hund und seine Intrigen mit Ignoranz und Verachtung strafen. Nicht dass er davon allzu viel mitbekäme bei seinem Dauermittagsschlaf, der sich normaler Weise über den großen Teil jedes Tages zu erstrecken pflegt.

Vergessen wir also getrost den Hund, wenn er nicht mehr ganz bei Trost zu sein scheint, und wenden wir uns den eigentlichen und schließlich für Sie so überaus lehrreichen Themen dieser Sendung zu.

Ich habe mir aber im Übrigen erlaubt, den Zugang zur Hundehütte, in der sich mein schamanisch nur halbgebildeter Schreibgenosse im Sommer zuweilen aufzuhalten pflegt, mit ein paar Brettern vorläufig zuzunageln. Dies geschah natürlich, als Genosse Hund gerade darinnen war. Wie ich den Hund dazu brachte, rechtzeitig ein paar Schlaftabletten in sein Futter zu mischen, bleibt hier mein Geheimnis. Jedenfalls wird ihn sein hölzernes Gefängnis zwar nicht für immer aufhalten, aber er wird eine Zeitlang sicher glauben, es sei dunkelste Nacht um ihn herum und weiterschlafen. Erst viel später dürfte ihm dann klar werden, dass er hinter Brettern sitzt. Schließlich wird er nach längerem Jaulen und Heulen von seinem Herrchen befreit oder er bricht mit Gewalt aus seinem Verschlag aus. In jedem Fall läuft das freche Tier danach sicher mindestens eine Woche mit eingezogenem Schwanz herum und mischt sich nicht mehr in meine edlen Schreibkünste ein, geschweige denn, dass er sich noch einmal anmaßte, falsches Zeugnis über ein ihm spirituell weit überlegenes Hühnerwesen abzulegen.

Hier sehen Sie, wie der Hund nach stundenlangem Ausharren in seiner verschlossenen Hundehütte wohl aussehen mag.

Vergessen Sie den Hund also jetzt schnell einmal wieder. Vergessen Sie auch seine Ratschläge. Reißen Sie sich zusammen. Wenden Sie endlich Ihre gebannten Blicke von den diversen Schamanenhüten ab. Bei denen ist in Hinblick auf eine wahre Schulung Ihrer Aufmerksamkeit gar nichts zu holen.

Kehren Sie nun zu mir und meiner Stimme zurück. Sie klingt fein und angenehm, und hilft Ihnen, aus der eigenartigen Hut-Trance zurückzukehren, in der Sie sich jetzt wohl einige Zeit befunden haben dürften.

Blicken Sie auf keinen Hut, unabhängig davon wie er etwa beschaffen sein sollte.

Werfen Sie stattdessen jetzt ihren Blick auf einen Alltagsgegenstand wie diese halb mit Wasser gefüllte Flasche, die ich gerade vor ihr geistiges Auge gestellt habe.

Was erblicken Sie gerade? Eine Flasche, sagen Sie. Ja, klar. Eine Flasche ist eine Flasche, und das gilt selbst im umgangssprachlichen Sinn.

Aber was bedeutet Ihnen die Flasche nun?

Sie werden gleich sehen, dass Flasche nicht gleich Flasche ist, selbst wenn sie auf den ersten Blick völlig gleich aussehen sollte.

Denn es kommt vor allem darauf an, was diese Flasche für Sie bedeuten mag.

Das nenne ich kontextbezogenes Sehen.

Natürlich gibt es die Flasche zunächst als rein funktionale Einheit. Ein Gefäß aus Glas, in dem Sie Wasser auffangen und aufbewahren können.

Doch die Flasche kann auch ganz anders wahrgenommen werden.

Vielleicht werfen Sie einen Blick auf diese Flasche, während gerade ein paar Sonnenstrahlen am Morgen das Glas aufleuchten lassen, und bevor Sie noch zu erkennen vermögen, was Sie hier gerade betrachten, erscheint Ihnen die Flasche als Inbegriff des heiligen Grals der Schönheit.

Oder Sie schauen in melancholischer Stimmung auf die halbleere Flasche und beschließen in einem Anfall intuitiver aber fehlgeleiteter Selbsterkenntnis, dass es jetzt an der Zeit wäre, in eine gewaltige Midlifecrisis abzugleiten, weil sich Ihr eigenes Leben gerade genau so weit entleert hätte wie dieses vor Ihnen stehende gläserne Gefäß.

Oder Sie betrachten die Flasche mit spielendem Blick, ohne auf ihre Bedeutung als Behälter zu achten und genießen einfach die Ästhetik von Glas und Wasser.

Wenn die Flasche nicht nur mit Wasser sondern auch mit Erinnerung gefüllt sein sollte, erzeugt sie noch einmal ganz andere Arten der Wahrnehmung in Ihnen.

Auf der anderen Seite kann die Flasche auch Ihr eigenes Gefühl der Leere im Leben spiegeln, falls Sie nur noch imstande sein sollten, das Ding in seiner funktionalen Bedeutung wahrzunehmen.

Die Flasche als Möglichkeit und als Symbol Ihrer Existenz, welche zerbrechlich aber zugleich immer noch vorhanden ist, würde Sie sicherlich in eine ganz existenzialistische Stimmung hineinwerfen.

Wenn Sie hingegen die Flasche als durchsichtige Begrenzung Ihrer eigenen Wahrnehmung des Seins betrachten, kann sie Ihnen sogar zu einem unerwarteten Auftreten plötzlicher Erleuchtungszustände verhelfen.

Das brauchen wir Hühner im Allgemeinen aber nicht, weil wir beständig unsere eigene Zen-Meditation praktizieren und uns deshalb immerzu auf höheren Stufen ekstatischer Erkenntnis befinden.

Ich behaupte also hier:

Die Flasche als solche gibt es gar nicht in Ihrer Wahrnehmung.

Sie tritt nur in einem bestimmten Kontext auf und in Erscheinung.

Und das gilt für fast alles in der Welt, mit der einzigen Ausnahme wohlschmeckender Körner und Würmer natürlich. Diese Leckerbissen haben selbstverständlich nur einen Sinn, den des Fressens und Gefressen Werdens nämlich, wie ja schon aufgrund des erleuchteten Verhaltens vieler Generationen von Hühnervögel wirklich ganz leicht und deutlich zu erkennen ist.

Aber lassen wir diese Feinheiten wieder. Sie können als Zweibeiner schließlich einfach nicht Alles verstehen.

 

 

 

 

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