Stormy Monday, Montagskater 19

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Mit unheimlicher aber wirkungsvollster Mnemotechnik ausgerüstet, war ich auf das diesmalige Erscheinen des Katers bestens vorbereitet.

Er hatte nun keinerlei Möglichkeit mehr, meinen Plan etwa im Vorhinein zu erraten und somit zu vereiteln. Drei wesentliche Hilfsmittel, welche ich jetzt täglich genau vor meinem geistigen Auge sehen konnte, hatte ich mir zurecht gelegt, um den Kater für immer aus meinem Leben zu vertreiben.

Materiell gesehen benötigte ich nur einen ganz unauffälligen Spiegel und ein Stück Schnur, mit welchem ich scheinbar nur zum Zeitvertreib in den letzten Tagen beständig zu spielen begonnen hatte. Ich knotete einfache Muster in die Schnur, eine Tätigkeit, die auch nach Meinung des Katers wohl nur zur Beruhigung meiner in letzter Zeit ja vielleicht allzu angespannten Nerven dienen konnte.

Insgeheim aber legte ich mir, kurz bevor der Kater erscheinen musste, noch einmal meine geniale Strategie zu seiner endgültigen Vertreibung zurecht.

Es war ja alles ganz einfach….

Zuerst kam der Zauberspruch….

Mater rater kater satter fader platter, oder so ähnlich….Ich würde ihn mithilfe einer Untermnemotechnik bei Bedarf jederzeit exakt wiederholen können. Eine Untermnemotechnik ist jener spezielle Teil einer Mnemotechnik, welcher sich knapp unterhalb des Bewussten in ihren verzweigten Windungen, oder vielleicht auch in den verzweigten Windungen des in eine gelungene Mnemotechnik verwickelten Ausübenden einer solchen, verstecken lässt.

Nach dem Spruch käme die Schlinge, welche die linke Vorderpfote des Katers mithilfe des schnell geknüpften gordischen Knotens unbeweglich in ihrer Position hielte.

Schließlich war da noch der Spiegel, in welchem der Kater sein eigenes schreckliches Abbild erblicken und dadurch jeglichen Angriffswillen fürs Erste verlieren sollte…

Oder kam etwa der Spiegel zuerst, noch vor der Schlinge?

Nein, ich glaube, ohne Schlinge bleibt der Kater einfach nicht dort, wo er gerade ist. Das geht dann im Allgemeinen eher nicht so gut für mich aus.

Also zuerst die Schlinge, dann der Spiegel, dann der Spruch.

Allerdings soll ja genau durch den Spruch die Schlinge nahezu unlösbare Kraft erhalten. Und der Spiegel ist vonnöten, um den Kater zu bannen und ihn zu verwirren.

Also zuerst wohl der Spruch, dann schnell die Schlinge und der Spiegel zuletzt.

Aber ohne in sein Spiegelbild zu blicken ist der Kater einfach viel zu wild. Da bekomme ich niemals eine Schlinge um seine Pfote herum.

Also zuerst wohl der Spiegel, dann die Schlinge und fast gleichzeitig der Spruch.

Allerdings kann ich nun einmal nicht zugleich den Spiegel halten, die Schlinge zuziehen und den Spruch ablesen, weil ich für diese nahezu zeitgleich ablaufenden Aktionen dann doch mehr oder weniger vier Arme bräuchte.

Hierzu ist nur aus Gründen der logischen Abfolge dieser Geschichte kurz anzumerken, dass gewisse Zaubersprüche, selbst wenn sie mit vorzüglichster Mnemotechnik für immer ins Langzeitgedächtnis eingeprägt worden sind, erst durch das Ablesen von einem bläulich eingefärbten Spickzettel ihre volle Kraft zu entfalten vermögen. Der allmählich verblassende Begriff des Spickzettels wird im Text weiter unten ohnehin noch genauer erklärt.

Wenn ich aber den Spruch zuerst spreche, dann den verwunderten Kater mit dem Spiegel banne und ihn in der Zwischenzeit, die er braucht, um aus dem Zwischenraum des Spiegels wieder ganz zu sich selbst zurück zu finden, mit der Schlinge festbinde, könnte es vielleicht klappen.

Also Spruch, Spiegel, Schlinge. Oder hatten wir das nicht vorher schon? Da gab es doch den Einwand von Ihrer Seite, dass ohne Schlinge der Kater eben nicht lang genug an seinem Platz verharren würde. Oder war es der Einwand von meiner Seite, mein eigener katerbezogener, mein eigener katerlauniger Einwand, dem ich hier ausgesetzt war?

Zu allem Überfluss kommt der Kater genau jetzt um die Ecke, sieht den Spiegel, erblickt die Schlinge, liest den Zauberspruch und lacht, soweit es einem Untier wie ihm überhaupt möglich ist, eine derartige eigentlich uns Menschen vorbehaltene Emotion vollständig auszudrücken. Doch er kann es, er lacht, und dann kullern ihm Tränen aus den Augen. Das ärgert mich jetzt doch einigermaßen. Außerdem habe ich in der Aufregung vergessen, wie jetzt die genaue Reihenfolge meines Vorgehens denn hätte sein sollen. Am Besten wäre es wohl gewesen, ich hätte auf die Mnemotechnik ganz verzichtet und mir einen kleinen feinen Schummelzettel zugelegt, oder ein Stück Holz mit nahezu unsichtbarer Schrift angeritzt, welches ich jetzt zu Hilfe nehmen könnte.

Falls Ihnen der Begriff Schummelzettel nicht geläufig sein sollte, unterbreche ich jetzt gerne mein offenbar ohnehin nicht sehr erfolgreich verlaufendes Katererlebnis und zitiere wieder einmal ganz selbstverständlich die Große Schwester, Wiki Pe Dia, welche uns sagt:

Ein Spickzettel, auch Spicker, Schwindel- oder Schummelzettel, ist ein kleiner Zettel, der bei einer Prüfung, Klausur, Abfrage oder einem Test von dem Prüfling in verbotener Weise benutzt wird, um die Fragen oder Aufgaben besser beantworten zu können. Neuerdings werden auch technische Hilfsmittel wie MP3-Player oder Smartphones mit diktierten Texten verwendet.

Zu meiner Schulzeit konnte ich auf MP3-Player oder Smartphones mit diktierten Texten jedenfalls noch nicht zurückgreifen, hätte aber, falls ich ein solches aus der Tasche zu zaubern imstande gewesen wäre, wohl die Schule sofort verlassen müssen um mich der Weiterentwicklung der technischen Revolution zu widmen, welche sich aus dem Vorhandensein solcher der damaligen Zeit noch völlig unbekannten Wunderwerke wohl ergeben hätte.

Hier aber, bei meinem bisher nahezu erfolglosen Versuch der Katerbannung, konnte mir die Technik jetzt auch nicht mehr weiterhelfen, nicht einmal die bekannte Mnemotechnik.

Ich erinnerte mich in diesem Moment an einen meiner letzten gänzlich misslungenen Versuche, den Kater zu besiegen. Bei jenem Versuch hatte ich mir ein spezielles Gerät ausgedacht, welches sich meiner Meinung nach ausgezeichnet für den Katerfang geeignet hätte haben sollen. Es handelte sich um ein nach meinen persönlichen Zeichnungen flugs angefertigtes Schmetterlingsnetz aus dünnen Stahlseilen, welches mir von meinen hilfreichen Gehilfen rechtzeitig am Montag als Katerfanggerät ausgegeben wurde. Doch aus irgendeinem mir bis heute unerfindlichem Grunde klappte es nicht. Denn…

Der Kater lachte nur….und weigerte sich beharrlich, in das Netz zu gleiten, zu fliegen oder zu springen.

Irgendetwas hatte ich damals wohl verwechselt. Der Kater, beziehungsweise die gesamte Gattung der Katzenähnlichen, sind, soviel ist mir inzwischen ganz gewiss, eben doch keine Abart der Schmetterlinge.

Wahrscheinlich hatte mich nur ein indischer Spruch beeinflusst, den ich, als ich ihn zum ersten Mal vernahm, doch als sehr eindrücklich empfand.

Hier gebe ich diesen Spruch gern für Sie in ungefährem Wortlaut aus meinem Gedächtnis wieder:

Indischer Spruch:

Beklag dich nicht, dass Gott den Tiger schuf, bedanke Dich dafür, dass er ihm keine Flügel verliehen hat….

Sie werden wohl leicht nachvollziehen können, dass so ein Spruch eine empfindsame Person wie mich schon zu völlig falschen wenn auch gut gemeinten Schlüssen verleiten kann.

Diesmal aber lief meine wohlüberlegte Aktion aus völlig anderen Gründen schief, welche zwar nicht auf einem Missverständnis über die Gattung der Katzenartigen beruhte, sich aber im Endeffekt als ebenso tragisch erweisen sollte wie mein hier eben geschilderter Versuch, den Kater im Fluge zu fangen.

Wie ging es also weiter? Soweit ich mich noch erinnere, vollzog sich in Windeseile ungefähr Folgendes:

Der Kater zerbiss die Schlinge, verschlang gierig den Zauberspruch, was ihn aufgrund des bekannten Zauberimpfeffektes sofort gegen denselben und alle in etwa ähnlich lautenden Zaubereien völlig immun machte, und warf den Spiegel um, welcher daraufhin in tausend oder mehr Splitter zerbrach, auf denen ich leider zunächst ausrutschte, um mich, danach unsanft den Boden küssend, gleich darauf mit einigen der größeren und unzähligen kleineren ihrer Art herzhaft in die meinen Sturz unbedacht auffangende Hand zu schneiden.

Natürlich hätte ich jederzeit auch in Trance gehen können, und wäre dadurch mehr oder weniger unverwundbar gegen die eindringenden Glasteile geworden, doch leider vergaß ich genau in diesem Moment völlig auf all meine schamanischen Fähigkeiten, weil mich das Misslingen meines vorzüglichen Plans zeitgleich zu meinem Sturz abgrundtief empörte und verärgerte.

Außerdem grübelte ich während des Fallens intensiv darüber nach, ob der Kater durch eine in unsichtbarer Tinte geschriebene und nur für mich mit Hilfe einer ultraviolett leuchtenden Lampe wieder sichtbar werdende Anleitung auf meiner Wohnzimmerwand wohl hätte endgültig überlistet werden können.

Allerdings ließ mich der Kater diesmal ansonsten in Ruhe.

Anscheinend betrachtete er einen hervorragend ausgeführten Akt der Selbstvernichtung von meiner Seite als Äquivalent zu Hitzewellen oder dem plötzlichen Einbrechen von Taifunen und begnügte sich mit einem Anfall anhaltender Heiterkeit, bevor er in einer dunklen Ritze meines Zimmers, welche mir als solche vorher noch gar nicht richtig aufgefallen war, für diesmal einfach wieder verschwand.

Sie können leicht erkennen, dass ich in diesem Beitrag auf die Veröffentlichung weiterer Katerbilder ganz verzichten musste. Dieser Missstand wurde allein durch die heftige und überraschende Abfolge der oben geschilderten Ereignisse bedingt. Ich werde mich aber selbstverständlich bemühen, Ihnen beim nächsten Montagskaterblog wieder einige gelungene Bilder des leider häufig gestaltwandelnden Katzenungetüms zu präsentieren.

 

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