Stormy Monday, Montagskater 17
Da legte sich eine gewaltige dunkle Pfote auf mein Gesicht und ich spürte den Stich scharfer Krallen über meiner Kopfhaut und an meinen Ohren. Ich hielt den Atem an…
Diesmal hatte ich die Annäherung des Katers nicht einmal ansatzweise bemerkt und nun konnte ich mich nicht mehr vom Fleck rühren ohne ernsthafte Schnittverletzungen durch die messerscharfen Krallen des Untiers zu riskieren.
Doch der Kater bewegte seine Pfote keinen Millimeter weit. Und kurz darauf war sie plötzlich aus meinem Gesichtsfeld verschwunden, mit ihr der Kater und leider auch meine Abschrift, das einzige Original meiner glänzenden Katergeheimnisaufdeckungsidee. Wie aber konnte die gerissene Katze das Papier aufgesammelt und an sich genommen haben, wenn ihre Pfote doch die ganze Zeit über drohend an meinem Gesicht und meinem Kopf haftete? Ich verstand die Welt nicht mehr. Dann erkannte ich die Lösung des Geheimnisses. Es war zwar nicht die gesuchte Lösung des eigentlichen Geheimnisses der Existenz des Katers, die mich jetzt heimsuchte, aber immerhin die Lösung für das Rätsel seines geschickten Diebstahlversuches. Nein, es war kein Versuch. Der Kater hat mir die Papiere ja zweifellos entwendet. Ein geglückter Versuch ist aber kein solcher, sondern verwandelt sich augenblicklich in eine vollbrachte Tat. Zumindest wusste ich in diesem Augenblick, wie es ihm möglich gewesen war, die Blätter in seine Krallen zu bekommen. Es waren nämlich nicht die Krallen der andren Pfote, die eifrig nach den Papieren griffen, denn dieser Akt der Balance hätte selbst das findige und wendige Katergehirn wohl überfordern müssen. Der Kater musste die Blätter vielmehr blitzschnell mit dem Maul aufgelesen haben. Dann ließ er los und verschwand, die wichtigsten Papiere dieses Monats im fest verschlossenen Katermaul, und ließ mich mit der ganzen Ungeheuerlichkeit dieses dreisten Diebstahls hier allein und ausnahmsweise sogar im Wesentlichen ziemlich ungeschoren zurück.
So etwas, nämlich das Festhalten und Entführen von Gegenständen im Maul, machen doch im Allgemeinen nur Hunde. Katzen ist es eher fremd, etwas zu apportieren. Vielleicht muss ich mich in Zukunft noch tiefer mit der Psychologie und dem Raubtierverhalten der Katzen auseinandersetzen, denn mit dieser Wendung der Dinge hatte ich einfach nicht gerechnet.
Schämt sich diese Katze denn gar nicht, das Verhalten von Hunden, also eher wolfsartigen Raubtieren zu kopieren, nur um den kleinen Vorteil, den mir ein perfekt durchdachter Plan im Verhältnis zu dem Katzentier jetzt wohl gebracht hätte, zunichte machen zu können?
Offenbar fehlt dem Kater jegliches Schamgefühl. Das müsste ich jetzt wirklich einmal in aller Öffentlichkeit diskutieren, dann wäre es ihm ja vielleicht doch noch unangenehm oder peinlich.
Vielleicht ist der Katze aber auch gar nichts peinlich. Das wäre leider momentan auch noch als letzte Möglichkeit einer Erklärung für die ungeheuerliche Vorgangsweise des Katers hier in die Waagschale der Betrachtung zu werfen gewesen.
Wo aber bleibt die Moral? Der Kater besitzt offenbar gar kein Gefühl für derartiges, das menschliche Verhalten ja zumindest in der Theorie mitbestimmendes Gedankengut.
Der Kater lebt mithin wohl hauptsächlich in der reinen Praxis und verabscheut die blasse Theorie, soviel wird mir hier schon einmal klar.
Immerhin hatte mich der Kater diesmal nicht durch das ganze Haus geworfen oder mir sein lautes PUHHH! , direkt hinter mir stehend, ins Ohr gebrüllt. Doch ich konnte für diese fast schon sanft zu nennende Begegnung mit dem Katzenuntier trotzdem beim besten Willen keinerlei Dankbarkeit aufbringen.
Denn der freche Diebstahl, oder vielmehr der freche Raub, da das Entwenden meiner Blätter ja durchaus unter einer gewissen Gewaltanwendung von Seiten des Katers geschah, war mir im Augenblick ohnehin des Schlimmen genug.
Wie soll man denn nur eines solchen Untiers jemals Herr werden, wenn es selbst die feinsten Pläne zu seiner wirkungsvollen Bekämpfung schon im Ansatz zu durchkreuzen versteht?
Jetzt kennt nur der Kater selbst meine Pläne. Ich habe sie hingegen zumindest schon so weitgehend vergessen, dass ich die einzelnen Details für die erfolgreiche Aufdeckung der Kateridentität nicht mehr in mein Bewusstsein zurückrufen kann. Ohne Details aber wirkt der ganze Plan irgendwie etwas hilflos. Ohne Details funktioniert er nämlich einfach nicht. Die Details aber, die hat sich der Kater mitsamt des ganzen Plans geschnappt.

Hier studiere ich mein weiteres Vorgehen in Bezug auf den Kater, oder vielleicht lese ich auch das eine oder andere schamanische Lied aus meinen umfangreichen Text- und Liedersammlungen ab, wer weiß das schon so ganz genau?
Ich sehe schon, mein weiteres Vorgehen wird für mich jetzt wirklich nicht ganz einfach sein.
Ich werde mir wohl noch etwas ganz Besonderes für diesen Kater ausdenken müssen. Zumindest habe ich den Vorteil, dass mir wieder einige Tage Zeit bleibt, einen neuen Plan zu schmieden, bevor er, der Kater, natürlich nur an den unseligen Montagen, auf einmal plötzlich, und wohl noch nicht zum letzten Mal, wiederkehrt.
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