Der Schamane zur Lage der Nation, Nummer 1
Wenn wir schon untergehen, dann aber richtig. Ich meine, lassen Sie es uns doch gleich auf schamanische Art tun. Das ist zumindest viel vergnüglicher. Wir könnten also damit beginnen, uns das derzeitige Gemeinwesen und seine politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Form eines Schiffes zu versinnbildlichen. Leider fällt mir dazu nur ein ganz bestimmtes Schiff ein….
Hier an Bord der Titanic
Derzeit sieht es an Bord der Titanic eher schlecht aus.
Der Motor streikt. Die Tauchkammern sind leer. Der Propeller ist ebenfalls abgebrochen und darüber hinaus noch ausgerechnet nachts ins Meer gefallen. Jemand hat das Steuerruder verlegt. Aus der Küche steigt schwarzer Rauch.
Weiter ist nichts passiert.
Lassen Sie uns also in der kurzen Pause bis zum Einsetzen der Alarmglocken ein wenig über das Wesentliche philosophieren.
Der Schamane als Gewissen der Nation
Damit Sie mir aber nicht wieder damit kommen mögen, dass sich ein Schamane gefälligst nicht mit Politischem, Menschlichem oder Sonstigem beschäftigen solle, lassen Sie mich hier doch gleich einmal etwas von Anfang an klarstellen:
Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, beschäftige ich mich als Schamane nämlich meistens ganz klar mit allem und jedem was mir am Herzen liegt.
Bedenken Sie:
Ursprünglich war der Schamane das moralische Regulativ seines Stammes.
Da hatte er wohl auch schon so manches zur Politik und zum stimmigen Umgang miteinander und mit der Natur zu bemerken.
Was bleibt ihm, dem Schamanen, denn anders übrig, so ganz ohne Stamm?
Jetzt, in der neuen Zeit, hat man ihm den Stamm weggenommen.
Da bleibt ihm ja gar nichts anderes übrig, als sich von sich aus jetzt an allem Möglichen zu schaffen zu machen!
Der Schamane wird also eben genau dort tätig wo er lebt.
Genau dort fühlt er sich verantwortlich.
In der modernen Zeit lebt er nun einmal zumeist in Dörfern oder in kleinen Weilern.
Er lebt in Kleinstaaten in relativer Nähe zu hohen Bergen oder inmitten größerer Gebilde wie zum Beispiel der EU.
Allgemein lebt er als europäischer Schamane in Europa, dann noch als Homo sapiens magicus in der Welt.
Die erweiterte Selbstbestimmung
Er lebt also direkt im Überall und Nirgends, und das bewusster und eigenwilliger, selbstbestimmter und aktiver als der Durchschnitt der Gesellschaft.

Das bin ich, schlafend an Bord der Titanic. Aber warten Sie nur. Sobald ich wach werde, rühre ich mich umgehend bei Ihnen. Sie werden schon sehen.
Er lebt, wenn wir hier ein berühmtes und naheliegendes Beispiel heranziehen wollen, zudem auch gleichermaßen im Nagual und im Tonal. Er ist sowohl im Unfassbaren als auch im Fassbaren zuhause.
Dementsprechend ist er unter anderem auch Weltbürger und Staatsbürger.
Staat an sich ist fad
Das soll jetzt bitte nicht heißen, dass der Staat an sich etwa ebenso notwendig oder wesentlich wäre wie die Demokratie, die Zivilgesellschaft oder die Freiheitsrechte des Einzelnen.
Der Staat als Idee, ich meine, der Nationalstaat, stammt bekanntlich noch aus der Zeit des Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.
Nur sehr engstirnige Leute wie beispielsweise solche, die in letzter Zeit gar zum amerikanischen Präsidenten gewählt werden, sehen den Nationalstaat als beste und schönste Form politischen Zusammenlebens an.
Die Kraft des Regionalen und seine Grenzen
Mir wäre ein vereintes Europa, bestehend aus fünfzig Regionen, da schon viel lieber.
Die Menschen fühlen sich ohnehin eher ihrer Region zugehörig als dem Staat.
Das kann ich, der ich genau an der Grenze zwischen dem Sankt Pöltner und dem Melker Bezirk lebe, aus eigener Erfahrung ganz klar bestätigen.
Die Sankt Pöltner und Melker reden ja nicht einmal allzu viel miteinander. Ihre Autokennzeichen unterscheiden sich nämlich. Es gibt deshalb keine funktionierenden Radwege welche die unsichtbare aber zutiefst wirkungsvolle Grenze zwischen diesen Völkern überbrücken könnten. Die Tracht der jeweiligen Bevölkerung unterscheidet sich zwar nur relativ geringfügig, doch kann der Eingeweihte offenbar trotzdem anhand unfehlbarer Zeichen sein Gegenüber untrüglich der richtigen Region zuordnen und so den Betreffenden augenblicklich der Rubrik wir oder der Rubrik die da drüben zuteilen.
Je nach Zuordnung mag es dann angebracht sein, sich gleich einmal vorsichtiger und etwas menschenscheu zu verhalten, um die eigenen regionalen Eigenheiten nur ja nicht zu verraten.
Doch lassen wir diese scharfen Grenzen im Augenblick einmal kurz hinter uns.
Mein immerwährender Erlaubnisschein
Wo waren wir denn stehengeblieben? Ach ja.
Ich wollte gerade betonen, dass ich mich, Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, mit so ziemlich allem zu beschäftigen beabsichtige, was mir vor die schamanische Nase kommt und was entweder wirklich ganz ganz übel riecht, oder mich durch seinen Duft entzückt und auf Wolken schweben lässt.
Ihre Erlaubnis aber setze ich hier stillschweigend immerzu voraus.
Falls Sie damit nicht einverstanden sein sollten, nehme ich das nun zur Kenntnis.
Es ändert aber nichts an den Tatsachen.
Nein, Ihre Erlaubnis ist mir, so tragisch das jetzt auch für Sie klingen mag, eigentlich ganz und gar egal.
Höflich währt am Längsten
Ich sage das mit der Erlaubnis ja nur, weil es auf diese Art eben gleich viel höflicher klingt.
Sie wissen ja: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.
Das soll jetzt soviel sagen wie: Eine andere Art von Höflichkeit besitzen Könige eben nicht.
Ich aber schon.
Sehen Sie nur, wie fein das Alles jetzt gleich klingt, wenn es vom Schamanen Ihres Vertrauens eben ganz höflich formuliert wird.
Eine Warteschleife, welche hier zu einer kleinen aber feinen Einladung genützt wird
Mit einem kleinen Scherz auf der Zunge…..aber halt, das kommt zu früh.
Jetzt müssen Sie warten. Also bitte zurück zum vorläufigen Ausgangspunkt. Ab in die Warteschleife. Die nächste Kolumne zur Lage der Nation kommt bestimmt.
Bis dahin verbleibe ich gern
Der Schamane Ihres Vertrauens
Besuchen Sie mich ruhig einmal. Ich bin wirklich gut erreichbar, wenn auch nicht mehr mit der U-Bahn. Aber seien wir doch ehrlich miteinander. Underground ist out, zumindest was die Verkehrsmittel betrifft.
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