RedHOTAction 5
Vorsicht!
Schauen Sie sich bitte einmal kurz nach links und rechts um. Sehen Sie irgendeinen Menschen hier in der Gegend stehen, der mit Ihnen ein Gespräch aufnehmen will?
Nein? Dann ist ja alles gut.
Ja?
Könnten Sie anhand der Kleidung oder der Aussprache des in der Gegend Stehenden bitte einmal kurz überprüfen, ob derselbe über eine ländliche Sozialisierung verfügt?
Nein?
Okay, wir sind wieder einmal knapp davongekommen.
Wir können jetzt einfach mit dem Anfang dieses Redaktionsblogs beginnen, ohne uns vorher noch ernsthaft und ausführlich über das Wetter unterhalten zu müssen.
Allmählich, das muss ich jetzt wirklich zugeben, nerven mich die andauernden Wettergespräche ja schon ein wenig.
Vor allem dann, wenn sich das Wetter nur langsam oder gar nicht ändert.
Da gibt es dann doch eigentlich fast nichts darüber zu berichten, wie ich meine.
Aber lassen wir das. Sonst landen wir gar schon wieder beim Wetter.
Mein anderes Lieblingsthema würde ich aber schon gern noch ein letztes Mal aufgreifen.
Ich habe also beschlossen, dazu genau an dieser Stelle einen letzten Aufruf, ja nahezu einen Hilferuf schamanischer Art, abzusetzen.
Ich werde also einen Zettel nehmen, in Großbuchstaben und roter Schrift auf diesen Zettel mein Anliegen aufmalen, also in etwa Folgendes schreiben:
PERSONAL ASSISTENT FÜR SCHAMANEN IM ÜBERARBEITUNGSMODUS WIRKLICH DRINGENDST GESUCHT, SCHLECHTE BEZAHLUNG, TOLLER JOB, KEINE KÜNDIGUNGSMÖGLICHKEIT, dann den Zettel eng zusammenrollen und ihn in eine Flaschenpost stecken, welche ich in einen der gerade wasserführenden Flüsse meiner Umgebung hineinzuwerfen beabsichtige.
Kurz habe ich mir jetzt tatsächlich überlegt, mich gemeinsam mit dem Zettel in die Flasche zu befördern, bin aber aus folgenden drei Erwägungen von dieser Idee doch wieder abgekommen:
Zum ersten ist es dort doch ziemlich eng und man weiß ja nie genau, wann man gefunden wird.
Zum zweiten brauche ich doch keine Flaschenpost abzuschicken, wenn ich selbst auch in der Flasche sitze. Da kann ich ja meine Nachricht auch gleich selbst übermitteln, und das ist schließlich nicht der Sinn der ganzen Sache.
Zum dritten bin ich kein Dschinn, und wenn Sie mich schließlich per unglaublichem Zufall irgendwo in der Südsee aus dem rauschenden Pazifik fischen sollten, werden Sie bei meinem Anblick sicherlich denken, Sie hätten jetzt Ihr Glück gemacht und sofort drei magische Wünsche frei.
Die dann darauf folgende doppelte Enttäuschung, dass Sie erstens eben keinen wunscherfüllenden Dschinn vor sich hätten, und zweitens, jetzt Ihre unglaublich romantische wunderschöne Robinsoninsel in Zukunft mit einem nach langer Hungerstrecke in der Flasche jetzt auch noch ziemlich gefräßigen Schamanen teilen müssten, wäre wohl für Ihr vielleicht ja schon angegriffenes Nervenkostüm schlicht zuviel.
Ich sehe Sie schon im Geiste Ihre verbliebenen Nahrungsreserven im Kopf durch zwei dividieren und dabei beständig mehr erblassen.
Weshalb ich weiß, dass Ihr Nervenkostüm schon leicht angegriffen ist? Nun, sonst wären Sie doch wohl kaum auf eine einsame Robinsoninsel geflüchtet, um dort, so ganz ohne Händy und Fernsehapparat aber in völliger Abgeschiedenheit und Ruhe, einen quasi klösterlichen mehrmonatigen Urlaub zu verbringen.
Ich hoffe, Sie sind ganz wach und können meine erste erstens, zweitens, drittens – Aufzählung vor dem Auftreten des vermeintlichen Dschinns von der zweiten Aufzählung nach dem Erscheinen des Dschinns auseinanderhalten.
Wenn nicht, erspare ich Ihnen die Mühe des neuerlichen Lesens und beschränke mich auf die wesentlichste Aussage des vorigen Absatzes: Ich bin kein Dschinn. Soviel ist jetzt wohl klar.
Warum ich meine Flaschenpost in Blockbuchstaben schreibe? Nein, Sie irren sich in diesem Punkt. Ich bin zwar kein Dschinn, aber des Schreibens mit der Hand in verschiedenen Schriftarten trotzdem durchaus mächtig. Die Schwierigkeit liegt nicht beim Schreiben, sondern beim Lesen des von mir Geschriebenen durch etwaige Empfänger.
Letztens wurde ich in den holden Kreis der europäischen Körperpsychotherapeuten aufgenommen, eine Angelegenheit, für die ich als Schamane und nicht so ganz Vereins-Affiner nur etwa dreiundzwanzig Jahre gebraucht habe. Nicht, um endlich aufgenommen zu werden, sondern ich ließ fast die ganze Zeit verstreichen, um mich endlich dazu durchzuringen, tatsächlich um meine Aufnahme anzusuchen. Vereine sind eben unheimlich, selbst wenn sie Dachverbände sind. Oder vielleicht gerade dann um so mehr. Aber es geschah zum Schluss jetzt eben doch. Leider war mit der Bestätigung meiner Aufnahme das höfliche Ersuchen verbunden, ich möge doch noch einmal meine genaue Adresse bekanntgeben, dieses Mal aber bitte keinesfalls wieder handschriftlich.
Zugegebenermaßen würde das Lesen bei meinem persönlichen dschinn-artigen Auftauchen aus der Flasche ganz wegfallen, das stimmt schon, aber erinnern Sie sich jetzt bitte an die ersten drei Punkte meiner Weigerung, in die Flasche zu steigen.
Immerhin wäre es aber noch besser, in die Flasche zu steigen, als zu derselben zu greifen, ein gar schändliches Verhalten, welches aber gerade bei der ländlich aber ebenso wohl auch bei der städtisch sozialisierten Bevölkerung dieses Landes tatsächlich nur allzu oft der Fall ist.
Letzteres erklärt mir allerdings den Ausgang der letzten bedeutenderen Wahl.
Ich meine, der Wahl unserer Regierung. Wahrscheinlich war am Ausgang derselben eben nur die Flasche schuld, nicht die eine Flasche, in die ich fast gekrochen wäre, sondern ihre vielen vielen Schwestern, randvoll gefüllt mit Selbstgebranntem oder Selbstgekauftem, und knapp vor der Wahl in einem Anfall unerklärlicher Heiterkeit auf einen Zug hinuntergekippt. Dann schnell zur Wahl gegangen und irgendwo ein Kreuzchen gemacht. Ja, so wird es mir jetzt endlich verständlich.
Hier also mein Aufruf an alle aufrechten Österreicher:
Greifen Sie bei der nächsten Wahl ruhig wieder zur Flasche, aber bitte erst nach dem Ankreuzen auf Ihrem Stimmzettel.
Danke.
Das wollte ich Ihnen hier sagen, noch bevor der nächste schon sehr sommerliche Monat beginnt.
Sie wissen ja, wenn so ein Redaktionsblog nicht mit dem Wetter beginnen darf, muss er eben mit ihm enden.
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